Eine Weih­nachts­geschichte

Der Wecker klingelt früh um halb zwölf. Bei manchen klingelt der Wecker täglich, bei anderen nur einmal im Jahr. Es ist der 24. Dezember. Der Weih­nachts­mann muss die Geschenke für die Kinder ein­packen, den Sack auf seinem Schlitten festzurren, die Ren­tiere davor­spannen und sich dann auf die Reise zu den Kindern begeben.

So jeden­falls denken es sich die kleinen Kinder. Die größeren glauben nicht mehr daran. An die Ren­tiere und den Schlitten und den damit fahrenden Weih­nachts­mann glauben sie schon noch, aber sie wissen schon, dass der Weih­nachts­mann die Geschenke bringt, die Mama und Papa ihm ein­gepackt vor die Tür stellen.

Die noch größeren wissen, dass der Weih­nachts­mann nicht nur am heiligen Abend be­schäftigt ist, sondern das ganze Jahr über – er studiert. Und er heißt Felix.

Einen Schlitten hat er auch nicht – zu Weih­nachten liegt ja sowieso nie Schnee. Und seine Ren­tier­herde ist auch arg beschränkt – auf ein Tier: Rudi, seinen Draht­esel. Mit diesem macht er sich auf den Weg – von Haus zu Haus, von Straße zu Straße …

Rudi anschließen, Sack und goldenes Buch greifen, rein ins Haus, runter in den Keller, die Geschenke in den Sack gestopft, hoch in den 3. Stock, an die Tür geklopft, mit großen Augen in der Tür stehendes Kind begrüßt, um nicht ewig da­stehen zu müssen „Willst du mich denn nicht rein­lassen?“ gefragt, den Tannen­baum bewundert (naja, wenigstens so getan, als ob), aus dem goldenen Buch das vor­gelesen, was die Elten nicht imstande sind, ihren Kindern selbst zu sagen; dann entweder „Lieber guter Weih­nachts­mann“ oder „Advent, Advent, ein Licht­lein brennt“ über sich ergehen lassen, die mühsam in den Sack gestopften Geschenke wieder heraus­holen („und noch eins … und noch eins – warst du aber artig“, obwohl doch gerade eben erst aus dem goldenden Buch anderes hervorging), die Famile singt „O Tannen­baum“ (zum Glück kennen alle nur die erste Strophe), sowohl den an­gebotenen Kaffee als auch die Plätz­chen abgeleht (dabei innerlich den falschen Bart verflucht, der die Auf­nahme von fester wie flüssiger Nahrung vor den Augen der Kinder unmöglich macht), frohe Weih­nachten und gesundes neues Jahr gewünscht, Treppe runter, Rudi abschließen, weiter zum nächten – immer wieder dasselbe.

Bei der vierten Familie bahnt sich dann endlich eine Abwechslung an: Die Mutter stimmt eine Geige. Gerade, als Felix fragen wollte, wie es der Weih­nachts­mann denn wohl zu allen Kindern schaffen solle, wenn die Mütter in jedem Haus ewig die Geige stimmten, übergibt die Mutter das Instrument an die Tochter, diese sogleich zurück an die Mutter, weil sie noch die Noten holen müsse. Erstaunlich schnell kam sie mit dem Noten­heft zurück; wenn Weih­nachten etwas Gutes hat, dann das, dass einmal alle Kinder­zimmer gründlich aufgeräumt werden. Ein Ton, ein zweiter Ton (naja, genau­genommen bestand schon der erste Ton aus zweien, die nicht so richtig zueinander passen wollten), abgesetzt, verspielt, nochmal. Beim dritten Anlauf hieß es dann Ohren zu und durch. Das Instrument, das in den Händen der Mutter noch stimmte, tat dies in den Händen der Tochter nun nicht mehr. Im Gegen­satz zur Geige blieb der Familie ihre Stimmung erhalten – es ist Weih­nachten, das Fest der Liebe und des Verzeihens. Im auf­geschlagenen Notenhaft war „White Christmas“ zu erkennen, in den Luft­schwingungen nicht. Aber als lieber guter Weih­nachts­mann muss man natürlich gute Miene zu schlechtem Spiel machen und „Oh, das hast du aber fein gemacht“ sagen, aber „Und im nächsten Jahr weiter ganz fleißig üben“ konnte Felix sich dann doch nicht verkneifen.

Und er wünschte sich beim nächsten Kind wieder „Lieber guter Weih­nachts­mann“ oder „Advent, Advent, ein Licht­lein brennt“. Und so kam es auch.

Am Ende des Abends fiel er erschöpft ins Bett und schlief einen festen Schlaf, bis dass der Wecker klingelte – früh um halb zwölf, alle Jahre wieder am 24. Dezember.